„Pygmalion“ – ein Berliner Jugendtheaterprojekt

Sieglinde Geisel am

Sechs jugendliche Laienschauspielerinnen nähern sich dem Begriff der Identität durch Improvisation. Unter der Regie von Sofie Hüsler und Joanna Praml wird daraus faszinierendes All-Age-Theater.

«Wir sind Ihre Projektionsfläche!»

«Wer bin ich?» Das ganze Leben ist man damit beschäftigt, dies herauszufinden, nur vergisst man es mit der Zeit. Für Jugendliche jedoch steht die Frage nach dem Ich im Mittelpunkt. «Meine Mutter sagt Ja, meine beste Freundin sagt Nein – aber was will denn eigentlich ich?», fragt die junge Frau auf der Bühne verzweifelt. So einfach lässt sich die Spannung zwischen Fremdbild und Selbstbild auf den Punkt bringen.

Ein halbes Jahr lang haben die Regisseurinnen Sofie Hüsler und Joanna Praml mit sechs Berliner Schülerinnen das Geheimnis der Identität erforscht, im Rahmen einer Produktion des Kreuzberger Jugendkulturzentrums Schlesische 27. Die jungen Laienschauspielerinnen hatten sich auf einen Facebook-Aufruf gemeldet. Für sie sei «Pygmalion» zuerst einmal einfach «ein seltsames Wort» gewesen, so Sofie Hüsler. «Wir wollten herausfinden, was für uns in diesem Begriff drinsteckt.» Für den Einstieg in die Theaterarbeit wurde ein professioneller Coach engagiert. Mit Rollenspielen näherte man sich der Frage: «Was ist das Ich?»

Gedankenspiele

Mit der Irritation über den fremden Begriff beginnt auch das Stück: Die sechs Mädchen sind in ein Pygmalion-Seminar geraten, und während sie auf den Professor warten, versuchen sie herauszufinden, was das sein könnte. Das ist bereits der ganze Rahmen: Eine Handlung kommt nicht auf die Bühne, gespielt werden Gedanken. Zugleich erzählt das Bühnenstück den Prozess seiner eigenen Entstehung. Auf einer fiktiven Computertastatur hangeln sich die Spielerinnen am Wikipedia-Eintrag entlang von Link zu Link. Doch wer sind die sechs Mädchen, die hier in einer Reihe auf ihren Stühlen sitzen? Ist die dunkelhäutige Leila tatsächlich von einer Arztfamilie adoptiert, oder ist sie Tochter einer Lehrerin und spielt Klavier? Hat Mariella wirklich eine dreijährige Tochter? Und Cosima: Stimmt es, dass sie ein Techno-Freak ist und nur tagsüber schläft? «Wir sind Ihre Projektionsfläche!», wendet sich eine ans Publikum.

Drei Biografien werden zu jeder Darstellerin an die Wand projiziert, und wir stimmen ab. Ist Kundry eine Mathe-Biene aus Schöneberg, lebt sie auf einem Pferdehof in Brandenburg, oder möchte sie Journalistin werden? Ist Fanni eine Diplomatentochter, eine Rapperin oder ein Star auf dem Kinderkanal? Das Abstimmungsergebnis wird den Spielerinnen gleich als Etikett auf die Brust geklebt. Dass eine der drei Varianten jeweils der Wahrheit entspricht, wissen wir nicht. Nur ein einziges Mal trifft unsere Wahl ins Schwarze: Cosima ist, man glaubt es kaum, tatsächlich Praktikantin in einer Korsettmanufaktur.

Die Mädchen können sich ihren Traummann erschreiben. Wünsche, Ansprüche und Bedingungen werden auf die unsichtbare Tastatur des Hellraumprojektors getippt. Der Traummann, der eben noch locker auf die Bühne spaziert kam, erfüllt sie alle, bis er tot zusammenbricht. Doch auch die Gesellschaft fabriziert Rollenbilder. «Ich bin die perfekte Frau!», die Schauspielerin hält sich eine farbige Heidi-Klum-Maske vors Gesicht, «ich kann lachen und weinen, ohne dass die Schminke zerläuft!» Für die andern gibt’s schwarz-weisse Heidi-Klum-Masken – da sie ja nur ein Abklatsch der perfekten Frau von «Germany’s Next Topmodel» sind.

So verwandeln sich Erkenntnisse und Reflexionen in kurze Szenen. In einem überraschenden Reality-Auftritt erzählt eine Soziologin der Humboldt-Universität von ihren Forschungen über den «Pygmalion-Effekt». In knappen Worten erklärt sie, wie die Erwartungen des Interviewers die Ergebnisse bei Umfragen beeinflussen. Zu guter Letzt erscheint der leicht exzentrische «Professor» und hält sein Seminar. Er hat Marshmallow-Ratten dabei, mit denen die Schülerinnen das Rosenthal-Experiment nachspielen: Die einen Ratten seien speziell für den Labyrinth-Parcours gezüchtet worden, die anderen seien dagegen besonders dumm. «Eure Ratten waren gut, weil ihr an sie geglaubt habt!», so die Lektion. Eine Schulklasse führt gleich vor, wie dieser Mechanismus der sich selbst erfüllenden Erwartung bei Menschen funktioniert.

Improvisation, Assoziation

So lernt und denkt man unablässig, ohne dass man es merkt. Theater dürfe keine Therapie sein und auch keine blosse Selbstfindung, sagt Sofie Hüsler. Der Text, den die beiden Regisseurinnen aus den Improvisationen und Assoziationen der Schülerinnen destilliert haben, entstammt zwar der Alltagssprache, doch er wird nicht beiläufig gesprochen: Alles ist gerichtet, mit Präsenz und Rhythmus zum Bühnenereignis überhöht. Minimale Ausstattung: Der Hellraum-Projektor dient als einzige Lichtquelle, und für die Bühnenmusik reicht ein Handorgelspieler: «Ich bin nicht Kurt!» «Wenn wir wollen, dass du Kurt bist, dann bist du Kurt!» – auch seine Identität gehört nicht ihm.

Bei der Arbeit am Stück sei es darum gegangen, Distanz zum rein Biografischen zu gewinnen, etwa durch die Frage: «Was wäre ich als Getränk?» Solche Abstraktionen erzeugen Brüche, und die Antworten sind überraschend abgründig. «Wasser mit Zitronensaft: Das ist authentisch und doch etwas Besonderes.» «Kokosmilch mit Rum – weil das einfach geil ist!» «Bier, weil das einfach jeder mag.»

Das Pygmalion-Thema hat eine enorme Tiefe. Die Rollen des Traummanns und des Professors sind mit zwei Flüchtlingen besetzt, das habe sich zufällig so ergeben, doch dies zeigt die Krise der Identität in einer weiteren Facette: Fremde werden kaum je als diejenigen erkannt, die sie in ihrer eigenen Wahrnehmung sind. Zwei Mal nur wurde diese denkwürdige Produktion in Berlin aufgeführt. Man wünscht dem Projekt viele Einladungen: Es ist ein Modell für relevantes All-Age-Theater.

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