Wie frei sind Schülerzeitungen wirklich?

Die Pressefreiheit gilt auch für Zeitungen an Schulen. Unterstützung erhalten Schüler von der Jungen Presse Berlin e.V.

Johann Stephanowitz, Vorstand Junge Presse Berlin e.V.

Die Schülerin Kundry Rymon (17) von der Kurt-Schwitters-Oberschule in Prenzlauer Berg sprach mit Johann Stephanowitz vom Vorstand der Jungen Presse Berlin e.V. über offene und subtile Formen der Zensur. Der Verein unterstützt Schülerredaktionen bei ihrer Arbeit.

Herr Stephanowitz, Redakteure der Schülerzeitung Hertz-Schlag des Heinrich-Hertz-Gymnasiums in Friedrichshain haben beim Berliner Schülerzeitungswettbewerb 2016/17 einen Sonderpreis für journalistischen Mut gewonnen, weil sie sich gegen Zensur gewehrt hatten. Was war passiert?

Johann Stephanowitz: Die Redaktion hatte das Thema Drogen thematisiert. Die eine Sache war, dass der Namensgeber der Schule Heinrich Hertz auf dem Cover mit einem Joint im Mund abgebildet wurde. Alle fanden es witzig – bis auf die Schulleitung. Und dann brachten sie noch eine fiktive Geschichte von einem Kiffer, der die Schule nicht mehr auf die Reihe bekommt. Diese Satire sollte eigentlich vor Drogen warnen, aber die Direktion war nicht begeistert und hat den Verkauf der Schülerzeitung auf dem Schulgelände verboten.

Das darf die Schulkonferenz so beschließen, wenn der Schulfrieden ‚erheblich gestört‘ wird. Dass die Schulleitung in diesem Fall Gebrauch von ihrem Recht gemacht hat, war aber überzogen: Nur, weil eine Schülerzeitung kritisch berichtet, darf sie nicht verboten werden! Mit dem Preis wollten wir von der Jungen Presse Berlin als Mitveranstalter des Schülerzeitungswettbewerbs zeigen, dass wir solidarisch sind mit den Redakteuren.

Wie frei sind Berliner Schülerzeitungen in ihrer Berichterstattung?

Ich glaube, seit der Einführung des Anti-Zensur-Paragraphen des Berliner Schulgesetzes 1999 dringt es zunehmend zu den Schulleitungen durch, dass die Pressefreiheit auch für Schülerzeitungen gilt. Vielen Lehrern ist bewusst, wie wichtig es ist, dass eine Schülerzeitung frei berichten kann. Dass Leute zu uns kommen, weil ihre Schülerzeitung zensiert wird, das sind echte Einzelfälle – nicht mehr als zwei, drei pro Jahr. Ich hab aber den Verdacht, dass es weit mehr Fälle gibt. Denn man muss natürlich überlegen: Was ist Zensur? Ist das nur massives Unterdrücken und Unterbinden von Veröffentlichungen? Oder fängt es schon an, wenn eben Betreuungslehrer tatsächlich Einfluss nehmen und Artikel umformulieren? Da gibt es eine große Spannweite – und eine hohe Dunkelziffer. Das liegt auch daran, dass Schüler Angst vor persönlichen Konsequenzen haben, wenn sie sich über die Lehrer beschweren. Deshalb rufen wir als Verein die Schülerzeitungen auf: Wenn ihr einen Artikel schreibt und der Betreuungslehrer nicht nur Rechtschreibfehler korrigiert, sondern inhaltlich eingreift oder schließlich den Artikel total umformuliert, dann wendet euch an uns, denn das geht nicht.

Hat sich diese Situation in den letzten Jahren verändert?

Ich denke, dass die Zahl der Vorfälle seit der Änderung des Schulgesetzes tendenziell eher abnimmt. Aber eine Zensur-Statistik gibt es nicht.

Welche Formen von Zensur sind üblich?

Es gibt einmal diese als Hilfe verpackte Zensur, die sich gar nicht als Verbot zu erkennen gibt, wie ich schon angedeutet habe. Oder es wird im Nachhinein der Verkauf der Zeitung verboten. Oder die Schülerzeitung muss vorher von der Schulleitung genehmigt werden, was auch verboten ist. Es gibt da ganz feine Abstufungen und man muss immer von Einzelfall zu Einzelfall urteilen.

Was wird zensiert?

Weil die Schülerzeitung von der Schulleitung oft als Repräsentationsorgan und Aushängeschild gesehen wird, werden häufig Texte zensiert, die angeblich den Ruf der Schule gefährden. Zum Beispiel, wenn kritisch über die Schule berichtet wird oder Missstände aufgedeckt werden, wie Geldverschwendung. Auch das Thema Drogen ist sehr unbeliebt.

Ist ein Betreuungslehrer überhaupt nötig, um eine Schülerzeitung herauszubringen? 

Zwingend ist gar nichts. Man kann sich vollkommen unabhängig von der Schule einmal in der Woche zur Redaktionssitzung treffen, eine Schülerzeitung machen und die an der Schule verkaufen. Ich glaube, dessen sind sich viele Redakteure nicht bewusst, aber das ist durchaus möglich. Und das kann man auch stemmen. Der Betreuungslehrer ist vielleicht bei Grundschulzeitungen notwendig, weil jemand die Finanzen machen und Rechtschreibfehler korrigieren muss. Aber in einer Oberschul-Redaktion kann ich die Schüler nur ermutigen: Leute, ihr braucht keinen Betreuungslehrer! Ein Konto eröffnen, ein Mailfach einrichten, Partner wegen Anzeigen anschreiben, Artikel einsammeln und Layout – das könnt ihr selber. Dabei unterstützt euch die Junge Presse Berlin mit ihren Mobilen Medien Akademien. Die Artikel dürfen natürlich nicht beleidigend werden, aber man kann dann auch mal Lehrer kritisieren oder wirklich seine Meinung sagen zur Schule oder zum Bildungssystem.

Was können Schülerredaktionen tun, wenn sie zensiert werden? 

Sie sollten auf das Recht auf freie Berichterstattung aufmerksam machen und sich an uns wenden. Dann nehmen wir von der Jungen Presse Berlin Kontakt zur Schulleitung auf, pochen auf die Pressefreiheit und versuchen, das Problem im Gespräch zu lösen. Und wenn da wirklich gar nichts hilft und eine Schülerzeitung dauerhaft unterdrückt wird, dann würden wir kostenlos einen Anwalt zur Verfügung stellen und vor Gericht ziehen. In Bayern hat sich eine Schülerzeitung so gegen die Schulleitung durchgesetzt.

Kundry Rymon, Kurt-Schwitters-Oberschule, Prenzlauer Berg

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