Theaterstück im Maxim Gorki Theater

Charlotte Haunhorst am 29

Es gibt Fragen, die stellt man den eigenen Eltern nur sehr ungern. (…) 13 Darsteller des Berliner Maxim Gorki Theaters, alle zwischen 16 und 25 Jahren, haben jetzt solche Fragen stellvertretend für uns ihren Eltern gestellt – und daraus ein Theaterstück gemacht.

„Ist Papa eigentlich Alkoholiker?“

Darsteller des Maxim Gorki Theaters zeigen, was uns und unsere Eltern zusammenhält. Mit sehr unbequemen Fragen.
Von Charlotte Haunhorst

„Was müsste ich tun, damit du den Kontakt zu mir abbrichst? War ich eigentlich gewollt? Und ist Papa Alkoholiker?“

Es gibt Fragen, die stellt man den eigenen Eltern nur sehr ungern. Weil es einem unangenehm ist vielleicht. Vielleicht aber auch, weil man Angst vor der Antwort hat. 13 Darsteller des Berliner Maxim Gorki Theaters, alle zwischen 16 und 25 Jahren, haben jetzt solche Fragen stellvertretend für uns ihren Eltern gestellt – und daraus ein Theaterstück gemacht. In „Bonding – eine Zwangsgemeinschaft“, das Donnerstagabend Premiere hatte, geht es vor allem um die Frage: Was hält uns als Familie eigentlich zusammen? Gleiche Gene? Gemeinsame Werte? Oder sind es am Ende doch nur die gemeinsamen Erinnerungen?

Das Stück wurde von der 29-jährigen Theaterpädagogin Suna Gürler über einen Zeitraum von mehreren Monaten entwickelt. Sie macht das jedes Jahr gemeinsam mit dem Gorki-Jugendclub „Die Aktionist*innen“. Das Thema dürfen die Darsteller sich selbst überlegen. Dieses Jahr war es eben „Familie.“

Von der Decke des schwarzgestrichenen Studio Rs, der kleinen Bühne im Gorki, hängen also zahlreiche Diktiergeräte. Auf Knopfdruck spielen sie die Interviews mit den Eltern ab – verfremdet allerdings. Die Zuschauer in den ersten Reihen müssen sich auf Kissen setzen. Die Stühle wurden rausgeräumt, damit mehr Leute Platz haben. „Meine Eltern sind heute nicht hier“, sagt eine der jungen Darstellerinnen und mehrere andere stellen sich solidarisch neben sie. „Bei mir in der Familie hat mindestens eine Person eine Behinderung“, sagt die nächste. Die Darsteller formieren sich neu, einige wenige stellen sich zu ihr. „Ich kenne meine Eltern sehr gut“, sagt der Dritte. Niemand stellt sich dazu.

„Ich war ehrlich überrascht, dass die Aktionistinnen so intime Interviews mit ihren Eltern führen wollten – das ist ja auch aufwendig. Und kann zu Konflikten führen“, erzählte Regisseurin Suna vor einer Probe in der Gorki-Kantine. Die Darsteller hätten schließlich alle sehr verschiedene familiäre Hintergründe: Eine Darstellerin ist mit 14 aus dem Iran geflohen, andere haben polnische und türkische Vorfahren. Manche leben in Patchworkfamilien während bei manchen die Eltern noch zusammen sind, aber kaum noch miteinander sprechen.

Haben sie denn dann, abgesehen von ihrem Alter, überhaupt etwas gemeinsam? Sind die Ergebnisse überhaupt vergleichbar? Suna überlegt länger. Dann sagt sie: „Vielleicht kann man sagen, die größte Gemeinsamkeit von allen ist, dass ihre Väter an der Erziehung kaum beteiligt waren – was ich bei dieser jungen Generation so nicht erwartet habe.“

 „Welche Eigenschaften von dir würdest du gerne auf mich übertragen? Hattest du Angst, als ich auf die Welt kam? Wie stehst du zu deinen Eltern?“

Oft wechseln die Darsteller die Rollen. Sind mal Kind, mal wieder Eltern. Umarmen einander, um den anderen dann wieder wegzustoßen.

„Das eine Mal, als ich dich geschlagen habe – das tut mir so, so Leid“, gibt eine der Darstellerinen ihren Elternteil wieder. „Ich wäre gern bei dir zuhause geblieben. Aber als Mann musste man damals arbeiten gehen“, sagt eine andere. Allmählich ergibt es Sinn, dass die Aufnahmen verfremdet sind, und dass auch nicht automatisch jeder Darsteller die Aussagen seiner eigenen Eltern wiedergeben muss. So wird am Ende niemand entlarvt. Nur einmal, als ein Junge von seiner Mutter erzählt, die stets alle mit ihrem Ukulele-Spiel erfreut, und nur ihm selber damit tierisch auf Nerven ging, fängt eine Frau im Publikum an zu lachen und hebt die Hand. Als wollte sie sagen „schuldig“. Bei Geschichten über die Trennung vom Vater, die Überlegung, ob man das eigene Kind nicht abtreiben sollte, bleibt es im Publikum bedrückend still.

Aber was ist nun das Resultat dieses Experimens? Was hält die Zwangsgemeinschaft Familie denn nun zusammen?

Die erste Antwort könnte sein: Angst. Denn tatsächlich zieht sich die Sorge der Eltern um die eigenen Kinder als roter Faden durch das Stück. „Sind wir gute Eltern? Ist mein Kind glücklich? Hat es genug Wasser getrunken?“ Und das zeigt dann bereits die zweite Antwort: Liebe. Denn dann ist doch auch egal, ob man blutsverwandt ist, die gleichen Werte oder viel Zeit miteinander verbracht hat.

Und am Ende ist das Interessante an dem Stück sowieso viel mehr die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Denn manche Eltern sind bei diesen Fragen richtig ins Reden gekommen, eine Tochter verdreht die Augen, als ihr Vater immer wieder von der Türkei redet. Zu oft hat sie diese Geschichten gehört, es muss mal etwas Neues her. Von einer anderen Mutter wird hingegen immer wieder nur ein Satz abgespielt. „Könntest du das bitte löschen?“

Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft ist noch bis Sonntag 1. Mai im Maxim Gorki Theater zu sehen.

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