Das Polaroid

Mein Herz rast. Bum, bum bum, bum bum, bum. Scheiße. Der Sitz unter mir bebt. Von draußen schlagen sie gegen die vergitterten Scheiben und brüllen. Abdallah spuckt aus. Dreadlocks, wie immer komplett in schwarz und die Kapuze tief im Gesicht. Seine Handschellen blitzen. „Ruhe!“, schreit der kleine Polizist. Ich wühle in meiner Tasche: 22:22, Dienstag, 21. Juni 2016. Klar, genauso hatte ich mir die Mittsommernacht damals ausgemalt für diese blöde Hausaufgabe: „Schreiben Sie einen fiktiven Rückblick!“

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Ramona Lisa

„Also, ich hab schon schönere Menschen gesehen!“, sage ich.
„Ach echt, denkst du an jemand Bestimmten?“, Ramona rammt mir ihren Ellenbogen in die Seite.
Darauf er: „Ja sorry ihr Süßen! Können ja nicht alle so ’ne Schönheiten sein.“

Wie der wieder nervt. Aber so lässig! Wie er da kotzfrech Kaugummi kauend an der Marmorwand lehnt, in dem dünnen Hemd und mit der einen Hälfte seines Mundes grinst. Kein Wunder, dass sie …

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Die letzten Zeugen

Bericht und eigene Gedanken zur Theater-Inszenierung

Eben konnte man sich noch ins grüne Gras in die Sonne setzen, jetzt zieht langsam die Dämmerung über die Hausdächer und macht sich am Fasanenplatz breit. Menschen stehen in Gruppen zusammen, man hört sie lachen und reden. Pollen fliegen herum. Die Luft schmeckt nach Frühlingsabend. Und endlich öffnet sich die Tür und die Menschen schieben sich schnatternd in das Haus der Berliner Festspiele. Ich habe mit meinen Freunden Plätze ganz vorn in der vierten Reihe ergattert. „Hoffentlich werden nur keine Aktionen mit Zuschauern gemacht.“, denke ich, als ich mich erwartungsvoll in den Sessel plumpsen lasse. Die Bühne ist sehr schlicht: zwei weiße, riesige Tücher hängen hintereinander von der Bühne herunter – ich vermute, dass sie für das Projizieren von Bildern oder Filmen verwendet werden. Dahinter stehen mehrere schwarze Stühle und rechts auf der Bühne vier weitere in einer Reihe, daneben ein schwarzes Mikrofon. Keine Kulissen, keine Farben. Über das Stück, das wir gleich sehen werden, weiß ich bisher nicht viel. Nur, dass sieben jüdische Zeitzeugen zwischen 80 und 101 Jahren zu Wort kommen, die der Vernichtung knapp entkommen sind. Sie sind die Einzigen, die mir erzählen können, was damals geschehen ist. Vielleicht bekomme ich heute Abend Antworten auf meine Fragen – auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich sie verkraften werde.

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