Ramona Lisa

„Also, ich hab schon schönere Menschen gesehen!“, sage ich.
„Ach echt, denkst du an jemand Bestimmten?“, Ramona rammt mir ihren Ellenbogen in die Seite.
Darauf er: „Ja sorry ihr Süßen! Können ja nicht alle so ’ne Schönheiten sein.“

Wie der wieder nervt. Aber so lässig! Wie er da kotzfrech Kaugummi kauend an der Marmorwand lehnt, in dem dünnen Hemd und mit der einen Hälfte seines Mundes grinst. Kein Wunder, dass sie …

„War bestimmt schwerer, so ’ne Statue zu machen“, murmele ich.
„Ja, klar. Aber was hast du davon?“, sagt sie. „Die nimmt Platz ein und du musst auf ihr Staub wischen. Und ganz ehrlich, also ich will so ’nen nackten Typen da nicht in meinem Zimmer haben.“
„Und was hast du von der?“, kontert er.
„Hey, ich hab nie gesagt dass ich die schön finde. Nur das mit den Augen, das ist …“, sie zieht mich am Ärmel durch die Leute zur anderen Seite. „Ist schon irgendwie krass, oder?“
Ich zucke innerlich mit den Achseln: von hier aus bräuchte man ein Fernglas, um ihre Augen zu erkennen. „Die soll ein Symbol für Schönheit sein?!“
Er schnaubt: „Klar, für euch ist das nur ein kleines Gemälde von einer ziemlich hässlichen Frau, vor der sich eine riesige Schar von Menschen staut.“

Durch die restlichen Räume hält er uns Vorträge über die prächtigen Farben aus irgendwelchen extrem seltenen Pflanzen, analysiert die Metaphern der Malerei und interpretiert Bild für Bild. Ich bin echt beeindruckt, aber er ist trotzdem ein Idiot!
„Das ist ja alles schön und gut“, sagt Ramona, „aber was ist die Aussage?“
Er sieht sie verdutzt an: „Wie jetzt?“
„Warum gibt es dieses Bild von der Mona Lisa? Was will es sagen?“
„Naja, das beschreibt ja eher eine Geschichte.“
„Aber was sagt die Geschichte aus?“
„Ich, ich weiß nicht. Das kann ja für jeden etwas anderes sein.“
„Was ist es für dich?“, frage ich ihn.
„Das ist nicht das Problem!“, sagt sie. „Das Problem liegt beim Bild. Und nicht nur bei diesem. Was wollen uns all die Bilder hier sagen? Für mich haben sie keine Aussage. Was ist die Moral? Es gibt keinen Grund, warum es sie geben sollte! Sie existieren, weil irgendein Typ mal Langeweile hatte und andere sich in das Motiv verliebt haben und auf seine Farben reingefallen sind. Das Bild sieht zwar ganz hübsch aus und der Maler hatte Talent, aber Fakten einfach nur festzuhalten, zu dokumentieren, Dinge genau so abzumalen wie sie wirklich sind, keinen Konflikt hineinzubringen – was hat das Bild dann für eine Bedeutung?“
„Klar, die Zeit, wo’s langsam anfängt, interessant zu werden mit der Malerei, wird hier natürlich eiskalt ausgelassen“, sagt er. „Lasst uns mal hier auf die Stufen setzen.“

„Und jetzt?“, fragt sie.
„Hat jemand …“ Er zieht meine Wasserflasche aus dem Rucksack. „Okay. Warst du schon mal so richtig krass betrunken?“ Er dreht und die Spitze kommt schließlich zwischen ihm und ihr zum Stehen.
„Wer denn jetzt?“, fragt sie.
„Na du.“
„Nee, du!“
Er lacht. „Scheiße. Ja, vor allem einmal. Da will ich mich jetzt aber nicht dran erinnern.“
„Ach komm, mach’s nicht so spannend!“
Er grinst und schüttelt den Kopf. „Okay, ich bin schon wieder dran. Hm. Welches ist dein Lieblingsbier?“
„Quatsch, mach doch mal was Spannendes“, sage ich.
„Na schön. Dann halt der Klassiker: Bist du verliebt?“
Mir wird heiß und kalt.
„Ach so. Alles, was wir hier bereden, bleibt natürlich unter uns!“ Wir nicken. „Und wir antworten hundertprozentig ehrlich, ne? Egal, was es ist!“ Er dreht die Flasche.
Bitte nicht ich, bitte nicht ich!!
Puh! Ich seufze leise, sie laut: „Ach Leute, das ist doch albern.“
„Na was denn? Bist du’s oder bist du’s nicht?“
„Als ob es nur Ja oder Nein gäbe. Nur rechts oder links, wahr oder falsch. Es gibt auch was dazwischen.“
Er lacht: „Also weißt du’s nicht?“
„Wenn du das so interpretierst.“
„Komm, hier ist nix mit interpretieren. Raus mit der Sprache!“
„Ja, okay, irgendwas zwischen Ja und Nein. Ich bin dran.“, sagt Ramona schnell.
Wie jetzt, dazwischen … Ich schlucke. Aber wahrscheinlich spricht sie von irgendjemandem, den ich gar nicht kenne. Oder von IHM??

„Hast du schonmal was geklaut?“, die Flasche zeigt auf mich.
„Na, die Antwort kennst du ja.“
„Was? Hast du?!“, er schaut mich ungläubig an.
„War ziemlich witzig“, lacht sie und legt mir einen Arm um die Schulter.
„Erzähl!“, verlangt er.
„Das war nicht die Aufgabe!“ Ich nehme die Flasche. „Hm … Mach dieser, ähm, Sicherheitstante da einen Heiratsantrag.“
Sie ist dran, lacht und springt auf.
„Ähm, entschuldige“, sagt sie zu der Uniformierten. „Das kommt jetzt vielleicht etwas aus dem Kalten, ich mein … wir kennen uns ja noch nicht so lange und so, aber …“, sie geht auf die Knie. „Willst du mich heiraten?“
Die Frau sieht sie verdutzt an und sagt etwas auf Französisch.
„Mist“, ruft Ramona zu uns. „Je sais, nous nous ne connaissons pas, euh … beaucaup de temps, mais … est-ce que tu veux marrier moi?“
Die Frau lacht: „Ton francais n’est pas mal!“
„Scheiße Leute, das war mein erstes falsches Liebesgeständnis, das ich einer Frau gemacht hab!“
„Da kann sie sich ja was drauf einbilden!“, feixt er.

„Ich finde schon, dass es eine Bedeutung hat“, sage ich. „Ich meine, den ganzen Kram den er aufgezählt hat. Diese Symbolik und so.“
„Ja, aber guck doch mal hin. Eine Dame, die einen Liebesbrief liest! Null Konflikt. Es wird nicht mal angedeutet, wie es weitergeht, dass es wenigstens ’ne Handlung gibt. Es zeigt einfach nur eine Tatsache. Moral? Als ob!“

© Kundry Rymon - about:kurt 5/2015-o+p

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