Die WG-Kasse

Und dann kam ich rein und es war totenstill. Ich stellte meinen Koffer ab und schälte mich aus der Jacke. Puh!

Aber wenigstens Finn müsste doch auf jeden Fall zu Hause sein!

„Finn?“, rief ich. Keine Antwort. Na, der hörte ja nie! Unterhielt meist das ganze Haus mit seiner Rock-Musik – aber in diesem Moment konnte ich gar keine hören. Ich hielt kurz inne. Ich hörte etwas. Waren das etwa Stimmen? Seltsam, dachte ich, um diese Zeit schlafen die doch sonst alle noch. Abgesehen von Julian – aber das war doch Emmas lautes Organ, das sich da gerade überschlug:

„Na dann zeig’s ihnen doch, Mohammed!“, kreischte sie.

„Jetzt lasst ihn doch mal, woher wollt ihr denn wissen, dass er sie hat?“, rief Julian. Unser Radioreporter hatte schon damals die Moderatorenstimme drauf. Wütend erlebten wir ihn selten.

„Holt ihn euch doch!“, antwortete eine tiefe Stimme, die ich nicht kannte.

Jemand schrie. Ich flog über eine der Sterni-Flaschen, die sich damals überall in der ganzen WG türmten, packte mich hin, sprang wieder auf und stolperte fluchend in Emmas Zimmer.

Vor mir tat sich ein Spektakel auf. Das hättet ihr mal sehen sollen! Julian und ein dunkelhäutiger Fremder umklammterten einen Rucksack, Finn und Emma zerrten daran. Und dann zog der Unbekannte ein Messer!

„Was ist denn hier los?!“, rief ich entgeistert. Mein Atem ging schnell. Alle hielten gleichzeitig in ihrer Bewegung inne und drehten abprupt den Kopf zu mir. Das alles kam mir so unwirklich vor, als würde ich träumen. Ich dachte, ich muss mich übergeben.

Und dann verstand ich kein Wort mehr, alle quatschten durcheinander.

Also, Emma hatte in der vorherigen Nacht Mohammed mit nach Hause gebracht und die anderen geschockt – der würde bei ihr einziehen. „Balkonzimmer ist nicht“, hatte sie zu Finn gesagt. Und dann hatte Julian rausgehauen, dass da aber vorher erst die ganze WG zustimmen muss.

Morgens war dann die WG-Kasse weg gewesen! War ja klar, wer’s war – Mohammed! Julian hört ja immer das Gras wachsen! Und Finn sofort: „Im Rucksack!“ Mohammed hatte gar nichts gesagt, aber Emma hättet ihr mal sehen sollen! „Na dann zeig’s ihnen doch!“, hatte sie verlangt. „Genau!“, Finn war auf ihrer Seite gewesen.

„Holt ihn euch doch!“, hatte Mohammed gerufen. Komisch war nur, dass Julian ihn darin unterstützte.

Schließlich hatten alle am Rucksack gezerrt, das Messer war gezückt worden und ich zur Tür hereingeplatzt.

Doch was fand ich, als ich dann auf dem Küchenschrank nachsah?

Finn und Julian starrten fassungslos auf die Kasse in meinen Händen, während Emma und Mohammed einen „Das-war-ja-mal-wieder-typisch“-Blick wechselten. Ich öffnete die Dose und schütte den Inhalt klappernd über dem Küchentisch aus. Die anderen schauten mir beim Zählen zu. „Stimmt“, sagte ich und räumte die Münzen und Scheine wieder ein.

„Seht ihr“, sagte Emma, „die Beschuldigungen waren völlig unberechtigt.“

„Aber sorry Emma, so was ist noch nie passiert! Keiner von uns hier klaut! Aber die Kasse war eindeutig weg. Ist doch klar, was das heißt“, ich drehte mich wutentbrannt zu Mohammed um. „Er hat das Geld erst eingesteckt und später heimlich wieder zurückgelegt!“

„Na, du musst es ja wissen, Rotkäppchen“, sagte er belustigt und spielte mit seinem Messer herum.

„Dein Ernst?“ Ich schaute zu ihm auf. Er war größer als ich, viel größer, bestimmt einen ganzen Kopf, vielleicht sogar mehr. Am liebsten hätte ich ihm das verdammte Ding aus der Hand gerissen.

„Steht dir gut“, grinste er, musterte mich – und überreichte mir das Messer.

Verwirrt sah ich ihn an und nahm es. „Gut, dann, also – ich kann das nicht lösen, ich ruf jetzt die Polizei.“

„Nein!“, rief Julian erschrocken. Alle schauten ihn verdutzt an. „Nein“, wiederholte er leiser und kontrollierter, so, wie wir ihn kennen. Er schaute bedrückt zu Boden. „Ich … Ich hab die Kasse genommen.“

„Was?!“ Ich wollte es nicht glauben, was erzählte er denn da?

„Ja. Ich hab sie in Mias Zimmer getan, damit sie niemand stehlen kann.“ Er schaute uns immer noch nicht an. Ich sah, wie die anderen ihn fassungslos anstarrten.

„In mein Zimmer?“, fragte ich perplex. Aber eigentlich passte das ganz gut, denn ich hatte da schon lange das Gefühl, dass Julian in Emma verliebt war! Also wollte er Mohammed verdächtig machen, um die beiden auseinanderzubringen!

„Aber wie ist sie denn dann jetzt hierher gekommen?“, fragte ich.

Finn hustete. „Ja, also, um ehrlich zu sein, ich hab Julian gesehen und das Geld in Mohammeds Rucksack deponiert. Damit es nicht abhanden kommt.“ Alle mussten lachen. Aber ich wusste, wie lange Finn schon auf Emmas Balkonzimmer scharf war. Der hatte also auch keinen Nerv für Mohammed.

„Und ich hab die Kasse in Mohammeds Rucksack entdeckt und auf den Küchenschrank zurück gelegt“, sagte Emma, ohne uns anzuschauen. Alle waren plötzlich ganz kleinlaut. Meine Gedanken überschlugen sich. Meine beste Freundin musste wohl annehmen, ihr Freund habe das Geld tatsächlich geklaut. Sie wollte ihn schützen.

Niemand wagte, den anderen in die Augen zu sehen. Ich fühlte mich nackt.

Doch da fiel Emma Julian um den Hals. „Julian, ich – ich hab Mohammed nur überredet, so zu tun als wär er mein Freund! Wir sind gar nicht zusammen, wir sind nur alte Schulfreunde! Um dich eifersüchtig zu machen und um zu gucken …“

„Das ist nicht dein Ernst!“, flüsterte Julian und drückte sie an sich. Während die beiden ihr Glück scheinbar noch nicht fassen konnten, hellte sich Finns Gesicht plötzlich auf. „Hey!“, unterbrach er sie, „In welches Zimmer zieht ihr?“

Beide antworten gleichzeitig: „Du kannst meins haben!“, ohne voneinander abzulassen.

„Und dann hast du abstimmen lassen und ich musste bei euch einziehen“, strahlt Mohammed, tut mir ein riesiges Stück Sahnetorte auf und greift nach meiner Hand.

„Tja, wer hätte das damals gedacht, dass es da noch ein Happy End gibt!“

„Das hier ist nicht das Ende, Rotkäppchen“, raunt er mir ins Ohr und zieht mich an sich. „Jetzt geht’s erst richtig los!“

„Auf euch!“ Meine Mutter erhebt ihr Glas.

Alle stehen auf. „Prost!“

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