„Ohne Herzblut macht man kein Stück!“

Vollständiges a:k-Interview, 1. Teil: Sprach- und DS-Lehrerin Frau Pack über den Grundkurs „Darstellendes Spiel“

Auf einer Bank vor dem Naturkundemuseum. Angenehm warm, bedeckter Himmel. Links und rechts blühende Platanen. Vogelgezwitscher. Gegenüber Neubauten mit Balkonen, die nicht so richtig zueinander passen wollen. Wenige Schritte vor uns die turbulente Invalidenstraße: eine Straßenbahn biegt quietschend um die Ecke. Leute hasten vorüber. Der Wind bläst mir die Haare ins Gesicht, ich muss meine Notizen festhalten.

about:kurt: Frau Pack, Theater ist genauso verstaubt wie die Dinos da drin, oder?

Frau Pack: Waaas? (lacht) Nein. Wobei die Dinos ja toll sind, und Theater ist auch toll. Für mein Gefühl haben manche Schüler ein verstaubtes Bild von Theater, weil sie denken, dass wir uns da Kostüme anziehen, auf die Bühne stellen und Texte aufsagen.
Also ich persönlich, ich sag’s dir gleich ganz ehrlich, ich komm vom Tanztheater. Das ist ja eher was Zeitgenössischeres. Und so seh ich eigentlich auch Darstellendes Spiel an der Schule. Nämlich sehr auf Körper zu achten – ich glaube, dass es besonders wichtig ist, bei Schülern auf Körper zu achten, weil Texte gut zu sprechen ist unglaublich schwer – (lacht) Du nickst. Deswegen versuche ich, prinzipiell möglichst wenig Text, was natürlich dazu passt, dass ich vom Tanz, aus der Akrobatik komme – und nicht jetzt automatisch die alten Klassiker zu nehmen oder die eben zu verändern.

Die wichtigsten Regeln beim Theater sind laut und deutlich sprechen und nicht mit dem Rücken zum Publikum?

(lacht) Also, die würde ich auf jeden Fall unterschreiben, aber ich würde noch ’n paar dazu tun: Durchlässigkeit im Körper, Präsenz und Spiellust.

Ich wähle nächstes Jahr den DS-Kurs – da bilden Sie uns als Schauspieler aus bis zum Casting, dann werd ich mit großem Tamtam an der Schauspielschule angenommen und spiel bald in ’nem Film mit?

Not. (lacht) Also, man kann sich auch schonmal drauf einstellen, dass man jetzt keine Schauspiel-Diva wird im Darstellenden-Spiel-Kurs. Sondern, dass es da ganz ganz doll ums Ensamble geht! Also um die Zusammenarbeit. Zumal, wenn’s große Kurse sind – und ich hab grad einundzwanzig Schüler, was unter uns gesagt viel zu viel ist. Aber gut, wenn es so viele sind, kann man mit Rollendopplungen spielen und damit kann man tolle Sachen machen. Aber das sind halt nicht so’ne Sachen, die eine einzelne Person auf ihre supergeile Star-Rolle vorbereiten, nein, sondern da geht’s darum, dass man als Gruppe ein Bild kreiert!

Alle kriegen ’n Textbuch in die Hand gedrückt und büffeln auswendig, lernen danach, Gestik und Mimik passend dazu einzusetzen – und dann kommt der Auftritt?

(lacht) Elfte Klasse, erste Stunde DS: da werd ich euch erstmal schocken! Ich will halt sicherstellen, dass alle da sind, weil sie auch wirklich dabei sein wollen, und nicht weil sie denken: „DS, da kann ich mal leicht ’ne gute Note haben, das ist ja locker gemacht … Musik: Noten lesen kann ich nicht, Kunst: ich kann auch nicht malen … also geh ich zu DS!“ Dieses Missverständnis werde ich ausräumen, und hätte natürlich gerne die Leute, die wirklich Lust auf Theater haben. Plus ist es einfach so, dass DS vielleicht am Anfang sehr spielerisch rüber kommt und man auch keine Hausaufgaben hat und alles nett und lustig ist, aber wenn dann das Stück wirklich geprobt wird und die heiße Phase beginnt, dann brauch ich Leute, die bereit sind, alles zu geben. Ohne Herzblut macht man kein Stück, was ankommt! Und dann brauch ich Leute, die auch Freizeit opfern und die es nicht als Opfer sehen, sondern die Bock darauf haben. Wochenend-Proben … Und ich seh es grad jetzt wieder, es muss sein!, man kann nicht einmal die Woche zwei Stunden fünfzehn Minuten DS haben und damit ein Stück machen, ich weiß nicht, wie das gehen soll!
Zumindest mach ich jetzt grad ein Stück, das eher mehr Text hat. Das hab ich auch vorher noch nicht gemacht, ich mach zum ersten Mal ein Stück, das es schon gibt. Vorher hab ich die Stücke selber kreiert. Und ich wollte das auch mal probieren, ich finde, beide Varianten sind gut.
Also zu deiner Frage – natürlich muss man auch Text lernen. Aber ihr kommt da hin und kriegt erstmal gesagt, dass es nicht vor allem um Talent geht, sondern um (haut bei jedem Punkt auf die Lehne) Engagement für das Projekt, um Zuverlässigkeit und Dasein, ganz banal, pünktlich sein, und, nicht so banal: am Ende der Stunde nicht auf die Uhr gucken, und voll da sein, sich engagieren für die Gruppe. Proben wollen.
Und dann, also: Ich hab schon das Heft in der Hand und weiß ungefähr, was ich machen will, aber ich lass die Schüler bis zu ’nem gewissen Grad teilhaben.

Wie denn?

Ich hab’s in dem letzten Kurs so gemacht, dass ich gedacht hab: Okay, ich hab ’ne Idee, das Stück, und ich geb denen jetzt Ausschnitte zum Lesen, sie sollen sagen, ob sie sich das vorstellen können. Und alle haben sofort Ja gesagt. Ich kann mir auch vorstellen, mehrere zur Auswahl zu haben und dann abzustimmen. Und eben gibt’s die Variante, dass man ein Stück selber macht, dass man sich für ein Thema entscheidet zusammen, oder dass ich Themen zur Auswahl gebe und sich dann entschieden wird. Und dass ich zum Beispiel auch vorgebe, was für ’ne Art von Theater. Also ob wir mal „Forschendes Theater“ machen, und dass ich das dann vorstelle, und sage, ich hab Lust (haut auf die Lehne) darauf! Das kann man schon zusammen entscheiden. Also, ich muss darauf Lust haben, sonst kann ich’s nicht machen. Aber natürlich möchte ich gerne, dass die anderen auch Lust drauf haben und sich mitreißen lassen. Sonst geht’s auch nicht.

Forschendes Theater?

Also es gibt „Biografisches Theater“, „Tanztheater“ und so weiter, es gibt ja viele Versionen und Genres, und im „Forschenden Theater“, da recherchierst du zu einem Thema und gehst raus und machst Interviews mit Leuten dazu und bastelst dadraus ein Stück. Und das find ich auch sehr faszinierend. Hab ich auch Lust drauf.

Die Proben sind egal, oder? Am Ende zählt nur der Auftritt.

Nein. (lacht) Nein, nein, nein. Die Proben sind das Eigentliche. Ja, weil du’s einfach nur gut spielen kannst auf der Bühne, wenn du’s siebenundzwanzigtausendmal geprobt hast. Wenn du dich mit Details und Nuancen beschäftigt hast und wenn du dich reingefunden hast in das Gefühl, in die Worte, in die Bewegungen – und dazu braucht der Mensch einfach Zeit! Und diese Zeit passiert in der Probe.

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© Kundry Rymon - about:kurt 6/2015-o #1

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