Gleich + gleich = gleichwertig?

about:kurt im Gespräch mit Diego (Sozialpädagoge) und Frau Pack (Sprach- und DS-Lehrerin) über den Respekt-Klub und ihre Arbeit als „Ansprechpartner für sexuelle Vielfalt“

a:k Wie machen Sie uns Schüler*innen sexuelles Anderssein als Normalität bewusst?

Diego Indem ich mich selbst oute. (lacht) Ich glaube, das ist eigentlich die effektivste Art und Weise, Menschen zu inspirieren. Weil ich dadurch zeige, dass es völlig okay ist, zu sein, wer man ist. Dass unsere Einzigartigkeit und Persönlichkeit gefeiert werden. Unsere Realität wird zelebriert – und das, finde ich, das ist die wertvollste Botschaft.
Aber ich mache das nicht in allen Klassen gleichzeitig, sondern je nach Situation … Jeder siebte Jahrgang ist ein neues Coming-Out, zum Beispiel.
Frau Pack Also jetzt dein eigenes oder von den Schüler*innen?
Diego Meins. Na in der Siebten glaube ich, dass sie noch nicht so weit sind, ihr eigenes Coming-Out zu machen – und ganz viele Größere trauen sich auch nicht. Ich glaube, niemand traut sich eigentlich so hundertprozentig, insbesondere in dem Alter, weil wir immer noch in einer ziemlich homophobischen Gesellschaft leben. Nicht in dem Sinne, dass die Leute dafür angegriffen und verfolgt und getötet werden, sondern, dass es immer noch als abstoßend gilt, genderqueer zu sein, also homo-, bi-, trans-, intersexuell. Man erlebt noch immer Mobbing, auch wenn es nur leichtes Mobbing ist – falls jemand irgendeine Form von Diskriminierung leicht nehmen kann.
Frau Pack (lacht traurig) Ja, wir sind alle gleich.
Diego Alle gleich, nur manche gleicher! Wir gelten immer noch als minderwertig.

Auch an dieser Schule?

Diego Auch an unserer Schule!
Frau Pack Mhm, und deshalb haben wir den Respekt-Klub! Im Februar zelebrieren wir den jährlichen Queer History Month. Vor zwei Jahren hatten wir Sookee da …

… eine deutsche Rapperin, die sich gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus engagiert …

Frau Pack … die hat ein tolles Konzert gegeben!
Diego Und letztes Jahr war die Kussaktion …
Frau Pack … wo alle in den Pausen Kussfotos mit gleichgeschlechtlichen Freund*innen machen konnten. Und das war ein großer Erfolg, die Schlangen vor Fritz Radios Foto-Bulli auf dem Schulhof waren richtig lang, die Schulleitung hat mitgemacht … Also das war super!
Diego Mehr als 200 Fotos wurden an dem Tag ausgedruckt. Gleichzeitig hatten wir auch das erste Mal die Plakat-Aktion.
Frau Pack Nicht mitgekriegt?! Oh mein Gott! Krass, wir hatten sogar noch zusätzlich eine Ausstellung mit so Stellwänden da …

Ah stimmt, aber ich hab’s irgendwie nicht geschafft …

Frau Pack Da musst du mal ins Haus Zwei gehen, da gibt’s ’nen Teamraum, der ist glaub ich neben dem Musikraum.

Ich weiß wo da der Essensaal ist, das ist alles …

Frau Pack Okay. Da rechts geht so’ne Rampe runter und dann am Ende von dem Gang quasi, da guck mal. Vom Kunstbereich gestaltet, voll die Schönen!
Diego Bekannte Persönlichkeiten, die halt homo, hetero, trans, bi, inter … sind.
Frau Pack Wir hatten in diesem Jahr außerdem die Aktion, dass jede Klasse einen Film mit der Thematik sehen sollte. Herr Graf hat ganz viele Filme in seinem Fundus und von ihm wurden die geliehen.
Diego Und ich thematisiere das auch gerade in meiner AG: Rassismus, Diskriminierung, Anderssein.

Ich fühle mich diskriminiert und weiß nicht weiter – was kann ich tun?

Diego Erstmal mich suchen. (lacht) Damit wir das thematisieren können. Also von den Sozialpädagogen bin ich zuständig für sexuelle Vielfalt, auch Geschlechtsidentitäten und Mobbing … Und falls man sich nicht bei mir traut …
Frau Pack … kannst du natürlich auch zu Laura gehen …

… eine andere Sozialpädagogin.

Frau Pack Oder man wendet sich an die Ansprechpersonen für sexuelle Vielfalt.

Klingt ja trocken – was ist das denn?

Frau Pack Sexberatung! (lacht) Nein nein, Scherz. Nee, der Senat hat das vor’n paar Jahren beschlossen, dass es an jeder Schule ein bis zwei solcher Personen geben soll im Zuge der „Initiative für Akzeptanz sexueller Vielfalt“, irgendwie so heißt das. Du kriegst da kein Geld für oder irgendwas – Frau Johnson und ich wurden einfach benannt, weil wir noch die wenigsten Aufgaben hatten. Aber ich find’s total sinnvoll, also ich dachte okay, diese Aufgabe nehm ich auch gerne. Und dann kümmern wir uns und machen ‘n Gespräch und gucken, was da los ist und was wir tun können.
Diego Wichtig ist, ob man sich davon außerhalb oder innerhalb der Schule ausgegrenzt fühlt. Innerhalb ist es unser Thema, andernfalls sind es externe Beratungsstellen, die man aufsuchen kann.
Frau Pack Aber auch dabei können wir helfen! Wir haben natürlich auch Adressen für professionelle Hife.

Wie erleben Sie das hier an unserer Schule – wissen wir Schüler*innen überhaupt, dass man sich seine sexuelle Orientierung nicht aussuchen kann?

Diego Ich ahne hier ist es ein Stück weit besser als Berlin im Durchschnitt, weil wir unsere Respekt-Klub-Initiativen haben. Viele Lehrer*innen gehen offen mit dem Thema um.
Frau Pack In Berlin sind wir auf jeden Fall sehr weit im Vergleich zu anderen Orten auf der Welt und auch in Deutschland – und trotzdem sind wir halt noch nicht weit genug! Also die Selbstmordrate von homosexuellen Jugendlichen ist ja viel höher als die von heterosexuellen …
Diego Ungefähr fünf- oder sechsmal so hoch!
Frau Pack Und das, finde ich, ist schon ein Zeichen was sagt uff, also es ist noch nicht alles so, wie’s sein soll.

Jemand neben mir auf dem Gang wird gemobbt – was tun?

Diego Sich einmischen und sagen hey, das find ich nicht cool! Egal, ob aufgehört wird oder nicht, wichtiger ist eine klare Ansage! Und falls die Person körperlich angegriffen wird …
Frau Pack … natürlich auch Hilfe holen, ‘nen Lehrer rufen. Aber das ist diese berühmte Zivil-Courage: Dass man selbst eingreift und sagt (klatscht) So geht’s nicht!!

Was genau ist der Respekt-Klub?

Frau Pack Also, ich glaub Herr Kümpel hatte die Idee. Und dann wurden wir als Ansprechpartnerinnen ernannt und haben uns alle zusammengetan und beschlossen, ein Forum zu schaffen, wo das Thema im Fokus steht. Offen für alle … Schülerinnen, Lehrerinnen, Sozialpädagog*innen …
Diego … Unabhängig von ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität.
Frau Pack So hat’s angefangen und dann haben wir eben gemerkt, dass es vor allem Sinn macht, Aktionen zu planen und sich dabei auf den Queer History Month im Februar zu konzentrierten. Weil man dann an einem Termin was macht, der dafür sowieso reserviert ist, der schon den Fokus hat.

Wir seh‘n ja immer eure Plakate: Der Respekt-Klub trifft sich, kommt vorbei! Sind die Treffen regelmäßig und was geht da ab?

Diego Unregelmäßig. Wir haben es früher versucht, uns jeden Monat zu treffen, aber das ist schwierig.
Frau Pack Wir treffen uns unten in der Lounge, sitzen gemütlich auf den Sofas und sind einfach ‘ne wirklich nette Runde, wo es so‘n Grundvertrauen gibt, dass man über alles sprechen kann. Und dann überlegen wir, wer hat welche Ideen für Aktionen, wo gibt‘s aktuell Probleme … Ich würd gerne dieses Interview als Chance nutzen, euch Schüler und Schülerinnen dafür zu interessieren!
Diego Und zu uns einzuladen! Wir haben eigentlich aufgehört, uns so regelmäßig zu treffen, weil keine Schüler mehr aufgetaucht sind. Da saßen zuletzt nur wir Lehrer und Sozialarbeiter, und das war’s.
Frau Pack Dabei ist es doch total schön, dass man ‘nen Raum und ’ne Zeit hat, um sich mal über andere Themen auszutauschen als den Unterricht. Dass man sich da auch auf ‘ner anderen Ebene kennenlernt und mal in Ruhe über ganz grundsätzliche Themen sprechen kann.
Diego Ich habe zum Beispiel heute bemerkt, dass das ganze Schulsprecherteam – es gibt keine/n Schwarzen oder person of colour dabei! Ich finde, dass alle noch aufmerksamer für diese systemischen Machtunterschiede werden müssen. Denn wir sind keine Schule mit nur weißen Menschen – wir sind ziemlich multikulti hier!
Frau Pack Also gerne bitte neues Interesse! Und wir müssen wieder einen Termin machen, ne Diego?

Danke für das Gespräch!

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