Die letzten Zeugen

Bericht und eigene Gedanken zur Theater-Inszenierung

Eben konnte man sich noch ins grüne Gras in die Sonne setzen, jetzt zieht langsam die Dämmerung über die Hausdächer und macht sich am Fasanenplatz breit. Menschen stehen in Gruppen zusammen, man hört sie lachen und reden. Pollen fliegen herum. Die Luft schmeckt nach Frühlingsabend. Und endlich öffnet sich die Tür und die Menschen schieben sich schnatternd in das Haus der Berliner Festspiele. Ich habe mit meinen Freunden Plätze ganz vorn in der vierten Reihe ergattert. „Hoffentlich werden nur keine Aktionen mit Zuschauern gemacht.“, denke ich, als ich mich erwartungsvoll in den Sessel plumpsen lasse. Die Bühne ist sehr schlicht: zwei weiße, riesige Tücher hängen hintereinander von der Bühne herunter – ich vermute, dass sie für das Projizieren von Bildern oder Filmen verwendet werden. Dahinter stehen mehrere schwarze Stühle und rechts auf der Bühne vier weitere in einer Reihe, daneben ein schwarzes Mikrofon. Keine Kulissen, keine Farben. Über das Stück, das wir gleich sehen werden, weiß ich bisher nicht viel. Nur, dass sieben jüdische Zeitzeugen zwischen 80 und 101 Jahren zu Wort kommen, die der Vernichtung knapp entkommen sind. Sie sind die Einzigen, die mir erzählen können, was damals geschehen ist. Vielleicht bekomme ich heute Abend Antworten auf meine Fragen – auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich sie verkraften werde.

Das Licht geht aus und ein Sprecher tritt auf die Bühne, der das Programm verkündet: Zuerst werden die Geschichten der Zeitzeugen von Schauspielern vorgelesen – und die Betroffenen bestätigen die Wahrheit mit ihrer Anwesenheit auf der Bühne. Danach gibt es eine kurze Pause und anschließend moderierte Publikumsgespräche mit den Überlebenden.

Dann geht es wirklich los. Die Zeitzeugen, zwei Männer und drei Frauen (die fehlenden zwei sind während der Erarbeitung der Inszenierung verstorben), sitzen hinter den Tüchern auf den schwarzen Stühlen, während ihre Erlebnisse vorgelesen werden. Ihre Gesichter werden live auf das hintere Tuch reflektiert, Fotos auf das vordere. Keine Lichtshow, keine Schauspielerei, keine dramatische Musik. Gelegentlich bemerke ich, wie jemand in Schwarz unauffällig die Kamera verschiebt. So schlicht und einfach inszeniert – und deswegen ziehen mich die Geschichten umso tiefer in ihren Strudel. Erlebnisse, die man kaum begreifen kann, geschweige denn glauben will!

Es ist entsetzlich, wenn ich höre, wie viele Millionen Menschen ermordet wurden. Aber es ist unfassbar, wenn sie Namen bekommen und ich von ihrer Lebensgeschichte höre und ich sie sehen kann, wie sie nur ein paar Meter vor mir stehen und leben. Man sieht ihnen nicht an, was sie durchgemacht haben. Sie sind klein, haben weiße Haare und Falten, lächeln in die Runde. Wie ganz gewöhnliche Rentner und Rentnerinnen eben. Eine Frau war genau so alt wie ich jetzt, als sie vier Jahre lang mit ihrer Familie in der Werkstatt eines Freundes versteckt wurde. Jedes Mal, wenn es an der Tür geklingelt hat, musste sie in ein Versteck flüchten und durfte nicht husten oder niesen, bis der Besucher wieder gegangen war. Noch heute, 75 Jahre später, erschrickt sie für einen Moment, wenn es läutet. Angst traumatisiert.

Irgendwann während der Vorstellung höre ich auf einmal aus der anderen Ecke des Saals ein Husten, das immer schlimmer wird. Dann klingt es plötzlich wie ein Lachen. Der Schauspieler unterbricht und fragt, ob jemand Hilfe braucht. Alles ist still, nur dieses Geräusch ist zu hören, und dieses Mal klingt es wieder wie ein Lachen von einer Frau. Und ich höre sie sagen: „Wer ist denn das da vorne, ahahaha!“ Unheimlich. Mir wird übel.

Als die Pause beginnt, gehen mir verschiedene Dinge durch den Kopf. Meine Probleme kommen mir plötzlich albern und unwichtig vor. Wir gehen nach draußen. Die Nacht ist hereingebrochen, ein paar vereinzelte Sterne funkeln am Horizont, es riecht nach Sommernacht und Zigarettenrauch. Doch die Kälte, das Gras unter meinen Füßen, alles fühlt sich so merkwürdig unwirklich an.

Was hätte ich getan? Hätte ich ihnen geholfen?

Ich weiß es nicht. Nach dieser Lesung bestimmt. Aber damals, als Hilfe den Tod gekostet hat? Und was für viele verführerisch war: wenn ich meinen Nachbarn verrate, mit dem ich gestern noch geplaudert habe, kriege ich sein tolles neues Rad. Wie unglaublich verlockend.

Niemand kann etwas daran ändern, was passiert ist. Aber wir können die kleinen Zeichen wahrnehmen, die es heute ebenso gibt – das muss nicht in der Ukraine sein oder irgendwo auf der Welt, sondern hier bei uns, um die Ecke. Ich jedenfalls möchte so etwas nie, niemals erleben.

Du etwa?

KundRy – 9. Klasse

© Kundry Rymon - about:kurt 3/2014-o+p

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