Das Polaroid

Mein Herz rast. Bum, bum bum, bum bum, bum. Scheiße. Der Sitz unter mir bebt. Von draußen schlagen sie gegen die vergitterten Scheiben und brüllen. Abdallah spuckt aus. Dreadlocks, wie immer komplett in schwarz und die Kapuze tief im Gesicht. Seine Handschellen blitzen. „Ruhe!“, schreit der kleine Polizist. Ich wühle in meiner Tasche: 22:22, Dienstag, 21. Juni 2016. Klar, genauso hatte ich mir die Mittsommernacht damals ausgemalt für diese blöde Hausaufgabe: „Schreiben Sie einen fiktiven Rückblick!“

In das neue Schuljahr startete ich wie ins vorherige – dem Sommer nachtrauernd, aber mit dem festen Ziel, dieses Jahr wirklich kein Projekt mehr auf den letzten Drücker zu machen. Doch dann kam Abdallah in meine Klasse. Rastahäuptling. Gebrochenes Deutsch – und großmäulig, das Messer eins-zwei raus. Wir wurden gefragt, wer ihm beim Lernen helfen will. Naja, so richtig wollte keiner. Vielleicht hätte ich’s trotzdem gemacht, sah ja irgendwie bescheuert aus. Doch dann schrieb er mit dem Kuli etwas auf die Haut, zeigte mir seine Faust und öffnete sie: „Picture von dich!“ Spinnt der?! So ein Affe kriegt doch kein Foto von mir! Doch ein paar Tage später passte er mich am Fahrradständer ab: „Du tauschen?“ Ein kurzer Blick auf das Foto in seiner Hand genügte – DAS Polaroid aus Paris! Grinsend behauptete er: „Geschenk von François!“ Ähm, der hatte es doch verbrannt, dieser Wichser! SCHEISSE! Dem ich gar nicht erlaubt hatte, mich DABEI zu fotografieren! In einem Augenblick, den es nie gegeben hat! NIEMALS!!

Ich wusste, dass die 11. knallhart werden würde. Doch nun musste ich nicht nur meinen eigenen Arsch retten, sondern auch noch Abdallahs Versetzung! Der Deal war: mein Deutsch gegen „sein“ Foto, erst nach bestandener Prüfung bekomme ich die Aufnahme zurück. Doch was sollte ich machen? Meinen Vater um Hilfe bitten?! So bescheuert kann ja auch nur ich sein, dabei auch noch in die Kamera zu lachen! Und da begann das Schuljahr erst richtig, der Wind schüttelte rote Blätter von den dürren Ästen und wirbelte sie durch die Straße – damit ich drauf wegrutsche und ein Analphabet mir diesen Albtraum unter die Nase reiben kann!

Mir blieb fast das Herz stehen, als Abdallah beim Weihnachtskonzert das Messer zog. Dabei hatten die Jungs nur ihren üblichen Spaß gemacht. Und ausgerechnet ich wurde verdonnert, nun auch noch in den Naturwissenschaften mit ihm zu ackern, die so gar nicht mein Ding sind! Bei dem Gedanken, er könnte das Bild in die Schülerzeitung hochladen, kam mein Mittagessen wieder hoch. Dafür war mein Mathelehrer völlig von Socken, als ich plötzlich nur noch Einsen schrieb und den Stoff der nächsten Lektion schon kannte. Abdallahs Aufgaben kosteten viel Zeit, die mir für die Redaktion fehlte – schließlich musste ich sie hinschmeißen. Sein Bio-Projekt vorm Halbjahreszeugnis brachte mich echt zum Verzweifeln. Es war schlimm, dass mein Profilkurs litt, es war ganz schlimm, dass meine beste Freundin auf der Klassenfahrt für immer und ewig mit mir brach, weil ich ja nur noch „mit diesem Neger“ rummachte. Aber nichts war so schrecklich wie der Gedanke, dass Abdallah das Foto … OMG!

So wurde es Juni, Notenschluss, als mir unsere Klassenlehrerin unter vier Augen anvertraute: „Abdallah wird die 11. Klase nicht schaffen, seine Familie muss zurück.“ Bitte WAS?

Heute waren wir an der Weltzeituhr verabredet. Für die Foto-Übergabe. Ich kam mir beschissen vor: er hielt Wort! Hätte ich mich nicht noch viel mehr ins Zeug legen sollen, vor seiner Prüfung?! Hätte ich die Abschiebung verhindern können? Immerhin konnte ich nun diesen verdammten Augenblick vernichten! Es wurde laut, Demonstranten zogen vorbei: „Kein Mensch ist illegal!“ Wehe, wenn er jetzt nicht kam!
Da entdeckte ich ihn: „Abdallah!“ Er winkte zurück. Plötzlich flogen Steine. Die Polizisten zückten ihre Knüppel. Alle rannten los, nur er blieb stehen – wartete auf mich. Ich schrie noch, aber es war zu spät.

„PENG!“, knallt es wieder gegen die Wagentür. Das Gebrüll draußen wird leiser. Verdammte Kacke, wieso ticke ich auch gleich aus und mach’ den Bullen an, dass er ein Nazi ist?! Und dazu Abdallahs Messer, das sie natürlich entdeckt haben. Das Journalistikstudium kann ich voll knicken, wenn mir nicht augenblicklich etwas einfällt.
„Lassen Sie sie gehn’n, sie hat nichts damit zu tun. Ich kenn die gar nicht!“ – wendet sich Abdallah an die beiden Polizisten. „Ruhe!“, schreit der Kleine.
Ich zücke meinen Jugendpresseausweis: „Stimmt, ich wollte nur neutral berichten – lassen Sie mich endlich meine Arbeit …“
„Ach, du kennst sie gar nicht!“ , sagt der dicke Beamte und hebt das Polaroid vom Boden auf – ich kann spüren, wie ich bis unter die Haarwurzeln glühe. „Und wie konntest du sie dann fotografieren?“. Abdallah krümmt sich vor Schmerz, der kleine Polizist feixt: „Deutsche Mädchen entwürdigen, du Schwein!“
„Die auf dem Foto bin ich“, sage ich. „Und er ist mein Freund.“ Ich leg ihm die Arme um die Schultern und hoffe, dass mir ein Happy End einfällt für Abdallah und mich.

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