Dantons Tod – Wir sind das Volk!

Kritik zur Laieninszenierung am 02.06.2016 im Kinder & JugendTheater MEINE BÜHNE

„Ihr Name, Bürger.“
„Die Revolution nennt meinen Namen.“

Am hinteren Bühnenrand stehen mehrere Jugendliche, vielleicht um die zwanzig, die meisten in langen, blauen Hosen und einem weiten Oberteil aus dem selben Stoff, in einer Gruppe zusammen. Weiße Gesichter mit dicken Augenbrauen, extragroßen Augen und feuerroten Lippen. Ein weißer Clown überragt die anderen von hinten, eine Frankreich-Fahne schwenkend. Am vorderen Bühnenrand steht Danton.

Die Gruppe spricht immer wieder den gleichen Satz – chorisch, schleppend, genervt, im selben Rhythmus und in Dauerschleife. Und Danton schreit immer wieder dasselbe darüber. Eine Weile brüllen alle, aber schon bald ist keine Steigerung mehr möglich. Rock-Musik setzt ein und Danton tickt völlig aus.

Es ist die letzte Aufführung von „Dantons Tod“ am Kinder & JugendTheater MEINE BÜHNE. Etwa drei Monate haben sich die 12 Jugendlichen im Projektkurs „Die junge Bühne“ für Menschen ab 16+ unter der Leitung von Ramona und Matthias Kubusch einmal wöchentlich in den von MEINE BÜHNE gemieteten Räumen in der Greifswalder Str. 88 mit Georg Büchners Klassiker über die Französische Revolution auseinandergesetzt. Danton will der Schreckensherrschaft der Jakobiner ein Ende setzen, Robespierre nicht. Daraus entsteht ein Machtkampf zwischen den beiden Revolutionsführern.

Danton wird von zwei Jungs dargestellt: Julius Gruner spielt den Kopf-Danton, der die Reden hält und rational handelt, während Sammy Scheuritzel den Schwanz-Danton verkörpert.
Diese emotionale Seite des Protagonisten vergnügt sich vor allem mit den Frauen.

Da gibt es einmal Julie, seine Frau, die von Clara Schmidt sehr grazil dargestellt wird, und Marion und Lucile.
Letztere werden beide von Luna Feliz Rohland verkörpert. Sie spielt sie dümmlich, naiv und gibt ihnen eine aufgesetzt hohe Stimme.

Außerdem gibt es noch andere Revolutionäre (Aaron Blanck, Kira Bulik, Leon Conyers, Franka Müller, Mona Schäfer), Bürger (Valeria Boneva) und die Revolution (Antonia Flacke).

Und dann natürlich Dantons Gegenspieler Robespierre, der von Bonita von Gizycki vor allem durch seine Zuckungen zombiehaft, ja wahnsinnig dargestellt wird. Sehr überzeugend und schön anzusehen!

Gelungen finde ich das Spiel zwischen den beiden Dantons. Sie werden bewusst gegeneinander gesetzt und stellen so überzeugend Dantons innere Gespaltenheit dar. Oder sie gehen aus der Rolle: „Hey Sammy, weg da, das ist mein Part!“. Doch auch dann sprechen die Darsteller im selben auswendig gelernten, gekünstelten Ton.

Die Charaktere sind außerdem so absurd übertrieben, dass es eher an Comic als an Theater erinnert. Die Darstellung der Frauen finde ich zudem nicht nur äußerst unangemessen, sondern auch sehr geschmacklos. Zwar waren Frauen im 18. Jahrhundert vom Mann abhängig. Das bedeutet aber nicht, dass sie alle den Männern an den Lippen hängen müssen und zu naiv und unintelligent sind, um irgendetwas zu verstehen und sich deshalb immer alles von den Männern erklären lassen müssen.

Insgesamt ist die Inszenierung sehr textlastig. Kubuschs wenige Versuche, dies mit einem Lied oder einzelnen Szenen aufzulockern, funktionieren – reichen aber vor allem in der ersten Hälfte bei Weitem nicht aus.

Auch deswegen gibt es sehr wenig Dynamik. Doch vor allem werden die einzelnen Bilder zu schnell bzw. zu wenig gesteigert, viel zu lang gehalten bzw. wiederholt. Ich habe
mehrfach das Gefühl, den gleichen Dialog oder Moment mindestens doppelt gesehen zu haben. Außerdem kommen die wenigen und zu spät gesetzten lauteren, schnelleren Aktionen mit mehr Elan so abrupt, dass sie keinen Raum haben, sich aufzubauen und die Spannung verpufft. In der zweiten Hälfte funktioniert das etwas besser, da die Szenen unterschiedlicher und durch – zwar unausgereifte – Ideen interessanter sind.

Insgesamt also zu viel Text und zu wenig Ideen. Es gibt einige interessante, aber unausgereifte Ansätze und wenig spannende Momente.

Mit „Dantons Tod“ beendet der Projektkurs seine Arbeit an der ehemaligen Murkelbühne.
Im Programmheft wird trotzdem auf eine Zugabe gehofft: „Vielleicht legen die, die noch Zeit und Lust haben, ein eigenes Projekt nach …?“ Ich bin gespannt.

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