„Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft“

Magdalena Sporkmann

Die Zwangsgemeinschaft, um die es hier geht, ist die eigene Familie. Doch entgegen der Erwartung einer Abrechnung mit Bevormundung, Abhängigkeit und Vertrauensverlust, klingen darin ganz zärtliche Zwischentöne an.

Die Macht der Fragen

„Bonding – Eine Zwangsgemeinschaft“. So der martialisch anmutende Titel einer Stückentwicklung des Jugendtheaterklubs Die Aktionist*innen, die am 28. April am Gorki Theater Premiere feierte. Die Zwangsgemeinschaft, um die es hier geht, ist die eigene Familie. Doch entgegen der Erwartung einer Abrechnung mit Bevormundung, Abhängigkeit und Vertrauensverlust, klingen darin ganz zärtliche Zwischentöne an.

Von Magdalena Sporkmann

Spielleiterin Suna Gürler hat die dreizehn Jugendlichen mit Diktiergeräten und dem Auftrag ausgestattet, ihre Eltern mit Fragen zu löchern. Schnell wird klar, dass diese Angelegenheit alles andere als unverfänglich ist und den Blick auf ein bislang unbekanntes Terrain freigibt. Die Jugendlichen erfahren nicht nur etwas über ihre Eltern, die selbstverständlich mehr können und wollen als Kindererziehung. Indem sie die Persönlichkeit, Träume und Gefühle ihrer Eltern entdecken, lernen sie auch viel über sich selbst, über die Werte und Vorstellungen, die sie – vielleicht unbewusst – prägen.

Der Dialog entsteht zwischen den Darstellern, die abwechselnd in die Rolle der Eltern und die der Kinder schlüpfen. Diktiergeräte hängen an Kabeln von der Decke und geben auf Knopfdruck einen authentischen Eindruck von den Gesprächen. Manche Stimmen sprudeln voller Erzähllust aus den Lautsprechern, andere Winden sich um die Fragen, viele suchen erst nach Worten, die beschreiben, was sie sagen möchten. Zögerlich und zäh sind viele der Erzählungen zu Beginn und zeugen von der harten Arbeit, die es für Eltern und Kinder bedeutet, sich in die Tiefe ihrer Persönlichkeit und Beziehung vorzuarbeiten.

Faszinierend an diesem Frage-Antwort-Spiel ist, dass den Jugendlichen einerseits die Emanzipation von den Eltern gelingt, weil sie sich und ihre Eltern als unterschiedliche und eigenständige Individuen erfahren. Andererseits bringt diese Spurensuche die beiden Generationen einander auch näher, weil deutlich wird, dass – so unterschiedlich ihre Einstellungen auch sein mögen – es doch dieselben großen Lebensthemen sind, die sie bewegen: Liebe, Freundschaften, Familie, Beruf und Verlust. Die „Zwangsgemeinschaft“ Familie kann sich so zu einer bewussten Entscheidung für die Beziehung zu den Eltern bzw. Kindern wandeln.

Das Erstaunlichste jedoch, was dieses Stück sichtbar macht, ist die Macht der Fragen, die die Kinder an ihre Eltern richten. Dafür muss zunächst klar gestellt werden, dass die Situation, aus der heraus das Stück entwickelt wird, eine sehr privilegierte ist. Allein das grundsätzliche Interesse der Kinder an Ihren Eltern ist längst keine Selbstverständlichkeit, geschweige denn die Bereitschaft der Eltern, ihren Kindern auch bei unbequemen Fragen Rede und Antwort zu stehen. Es gelingt den Darstellern und Darstellerinnen nämlich zu zeigen, dass die Fragen der Kinder durchaus die Moralvorstellungen und das Verantwortungsbewusstsein ihrer Eltern antasten und bei ihnen so unterschiedliche wie heftige Regungen wachrufen: Stolz, Bedauern, Zweifel und auch Zuversicht.

Es ist berührend zu erleben, wie die Eltern mit den Fragen und die Kinder mit ihren Antworten ringen, denn nicht nur die Fragen sind zuweilen unbequem, auch die Antworten sind selten leicht verdaulich. Weshalb dieser Dialog aber keinen Schaden anrichtet, und auch überhaupt er entstehen kann, ist das unerschütterliche Vertrauen zwischen Eltern und Kindern. „Keine Familie ohne Probleme“, weiß einer der Väter. Doch die Krisen wie Scheidung, Sucht und Arbeitslosigkeit können überwunden werden, wenn sich Eltern und Kinder füreinander interessieren, offen und tolerant sind; wenn sie einander vertrauen.

Leider ist dieses positive Bild, welches Bonding – eine Zwangsgemeinschaft vermittelt, eher ein Ideal als die Realität. Viel zu ausgeprägt ist der Narzissmus heutiger Elterngenerationen, die den Kontakt zu ihren Kindern nicht nur verlieren, sondern vielleicht nie aufgebaut haben, weil sie sich für niemanden so wie für sich selbst interessieren. Viel zu viele Kinder verwechseln daher das „Abnabeln“ mit einem Kontaktabbruch zum Selbstschutz. Zweifelsohne ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern ein Wagnis. Das Gespräch über so sensible Themen wie Moral, Glaube, Ängste und Hoffnungen will geübt sein. Allzu oft wird man dabei nicht zuletzt auch mit unliebsamen Eigenschaften der eigenen Person konfrontiert. Man muss die Bereitschaft zeigen, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und Entscheidungen zu revidieren. Der Gewinn aber, den man daraus zieht ist unschätzbar: Indem man seine Eltern besser kennenlernt, versteht man nicht nur sich selbst besser, man gewinnt im besten Fall auch gute Freunde für’s Leben. Man entscheidet sich für die Familie, statt einfach „hineingeboren“ zu sein.

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